Redebeitrag: Sexualisierte Gewalt in den Medien

Der große Erfolg der SlutWalk-Bewegung wird zum Teil damit begründet, dass das Jahr 2010/2011 das „Jahr der Vergewaltigungen“ sei. Tatsächlich fallen jeder gleich drei große Namen ein, wenn es um sexualisierte Gewalt in den Medien geht; Julian Assange, Dominique Strauss-Kahn und Jörg Kachelmann. Alle drei mächtige Männer, Hoffnungs- oder zumindest Sympathieträger. Ihre Klägerinnen: unbekannte, anonyme Frauen, die es sich anscheinend zum Ziel gesetzt haben, den Ruf, die Karriere und das Leben der Angeklagten zu zerstören. Motive: Rache, Eifersucht, politisches Kalkül. So zumindest die allgemeine Auffassung in den Medien.
Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, über Schuld und Unschuld zu spekulieren. Mir geht es um die absolut subjektive Art der Medienberichterstattung, die die Angeklagten zu Opfern, die Klägerinnen zu Täterinnen macht. Wenn sexualisierte Gewalt zu einer „Sex-Affäre“ wird, der potentielle Vergewaltiger zum frechen Schürzenjäger, dann läuft etwas mächtig falsch. Und das Wort „mächtig“ ist in diesem Fall von besonderer Bedeutung.
Das sexualisierte Gewalt viel mehr mit Macht als mit Sex zu tun hat, wird in der Berichterstattung gerne verschwiegen. Tatsächlich sehen sich vermeintliche Vergewaltiger aber oftmals gleich zweimal in entscheidenen Machtpositionen; einmal während der Vergewaltigung selbst und dann nochmal während des Prozess, in dem die potentiellen Täter in Schutz genommen und die vermeintlichen Opfer diskreditiert werden.

Julian Assanges Prozess steht noch aus, das hinderte ihn jedoch nicht daran, von der großen französischen Tageszeitung „Le Monde“ zum „Mann des Jahres 2010“ gewählt zu werden und die Goldmedaille für „Frieden und Gerechtigkeit“ von der Sydney Peace Foundation verliehen zu bekommen. Wohlgemerkt; all diese Anerkennung erhielt er, NACHDEM er bereits wegen sexualisierte Gewalt angeklagt worden war. Ein Kavaliersdelikt also?…

Dominique Strauss-Kahn wurde vorgeworfen, eine Angestellte eines NewYorker Edelhotels vergewaltigt zu haben. In den Medien wurde sie immerzu als „Zimmermädchen“ bezeichnet, also auf den Status einer Person herabgesetzt, die es nicht ernst zu nehmen gilt und die nicht im Vollbesitz ihrer Urteilskraft ist. Die vermeintliche Vergewaltigung an sich wurde als „Sex-Falle“ oder „Sex-Affäre“ betitelt – und das lange bevor ein Urteil gesprochen wurde.

Jörg Kachelmann wurde von seiner Ex-Freundin angeklagt. Vor Gericht stand er wegen Verdachts der besonders schweren Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung; er soll sie unter Benutzung eines Messers zum Geschlechtsakt gezwungen haben. Weder seine Schuld, noch seine Unschuld konnte im Verlaufe des Prozesses bewiesen werden. Inzwischen ist er wieder in die Medienwelt zurück gekehrt.

Und was ist mit den Klägerinnen? Den Klägerinnen im Fall Assange wurde politisches Kalkül unterstellt. Die zuständige Staatsanwältin, Marianne Ny, wurde als Feministin bezeichnet – als würde das irgendwas an ihrer Glaubwürdigkeit ändern.

Der Klägerin im Fall Strauss-Kahn soll es um Geld gegangen sein. Es wurde im nachhinein keine Möglichkeit ausgelassen, ihre Person anzugreifen; sie stehe im Kontakt zu krummen Geschäften, habe ihren Asylantrag gefälscht und sei auch sonst ziemlich kriminell.

Der Klägerin im Fall Kachelmann wurden Eifersucht und Rache als Motive unterstellt. Sie sagte nach dem Freispruch Kachelmanns aufgrund unzureichender Beweise: „Ich würde jeder Frau abraten, ihren Peiniger anzuzeigen, wenn dieser reich ist und sich mit Geld freikaufen kann“. Und: „Solange wir in einem Täterstaat leben, ist es besser, als Frau den Mund zu halten“.

Tatsächlich ist genau das die Botschaft, die diese Art der Berichterstattung vermittelt. Indem Menschen, die den Tatvorwuf der sexualisierten Gewalt erheben, implizit oder explizit als Lügner*innen bezeichnet werden, werden Opfer sexualisierter Gewalt noch weiter entmutigt. Indem sexuelle Nötigung, Belästigung oder Vergewaltigung immer wieder mit Sex gleichgesetzt wird, ensteht der Eindruck einer Mittäter*innenschaft. Opfer sexualisierter Gewalt laufen somit Gefahr, nach dem Öffentlichmachen der an ihnen begangenen Taten noch schlechter darzustehen als vorher.
Dabei sprechen die Fakten sowieso längst für sich, wie Nadine von der Mädchenmannschaft gut zusammengefasst hat:

„Nur ein Bruchteil von sexualisierten Übergriffen wird überhaupt zur Anzeige gebracht, noch weniger Fälle landen vor Gericht, noch weniger enden mit einer Verurteilung. Die Strukturen für Opfer sexualisierter Gewalt sind mäßig bis schlecht, Polizist_innen unzureichend ausgebildet, Gutachter_innen darauf aus, die Integrität des mutmaßlichen Opfers solange zu prüfen, bis Widersprüche aufgedeckt werden können. Die Betroffenen sexualisierter Gewalt sind in der Bringschuld. In der Bringschuld zu sein in einem System, in dem Sexismus und Frauenfeindlichkeit offen ausgelebt werden können und institutionell verankert sind, bedeutet, in einer nicht gleichberechtigten Position zu sein gegenüber denen, die überzeugt werden müssen von der Schuld des vermeintlichen Täters. Wenn wir über sexualisierte Gewalt reden und verhandeln, müssen wir auch die Verhältnisse, Normen und Strukturen bedenken, in denen sie passiert.“.

Und genau deshalb sind die SlutWalks gerade jetzt so wichtig. Sie versuchen ein für alle Mal klarzustellen, dass Vergewaltigungen nicht mit einvernehmlichem Sex gleichzusetzen sind, Opfer niemals Mitschuld an sexuellen Übergriffen tragen und vorallem versuchen sie, mit den altbekannten Vergewaltigungsmythen aufzuräumen. Die zentrale Botschaft, die die SlutWalks weltweit – und somit auch alle Menschen, die heute hier sind – ausdrücken wollen, ist folgende: Bei Vergewaltigungen geht es nicht um Sex oder Triebe, sondern in erster Linie um Macht.

Lasst uns gemeinsam diese Machtstrukturen zerschlagen und den sexistischen Normalzustand ins Wanken bringen!

(Redebeitrag von Anni)